Der Gameplan – Teil I

Was ist ein Gameplan?

Ein Gameplan beschreibt das Ziel, das wir als Kämpfer*innen in jeder Runde haben. Natürlich macht es Spaß, sich auch mal treiben zu lassen, ohne Idee mit dem/der Partner*in abzuklatschen und sich einfach in den Kampf zu stürzen, um den Kopf frei zu bekommen und den körperlichen Aspekt des Rollens zu genießen; lernen werden wir davon jedoch wahrscheinlich wenig bis gar nichts.

Vom Start im Stand über alle möglichen Positionen hinweg bis zum Ende, der Aufgabe meines Gegenüber: Mein Gameplan ist mein Wegweiser, der mir über alle Phasen des Kampfes hinweg zeigt, wohin ich möchte.

Lernen vs. Lernen

Es gibt in meinen Augen zwei Arten, zu lernen: Lernen, zu gewinnen und lernen um des Lernen Willens.

Lernen wir um zu Gewinnen geht es vor allem darum, meinen Gameplan zu verfeinern: Lücken, die es gibt, zu schließen, Techniken, die fehlen, zu ergänzen und diese, die funktionieren, zu verfeinern, damit meine Erfolgschance noch höher wird und ich auf die häufigsten abwehrenden Reaktionen meines/meiner Partner*in eine Antwort habe. Der ganze Prozess dient dazu, mein „A-Game“ zu perfektionieren.

Lernen wir um des Lernens Willen geht es darum, den eigenen Horizont zu erweitern. Positionen auszuprobieren, die wir bislang vielleicht noch nicht oder nur wenig auf dem Schirm hatten, zu Testen, ob uns ein anderer Stil vielleicht doch mehr liegt oder vielleicht einen Baustein zu finden, der für mich noch besser funktioniert als einer, der bislang Bestandteil meines Gameplans ist.

Will ich mich als Kämpfer*in weiterentwickeln muss ich immer wissen, in welchem der beiden Modi ich mich befinde und meine Aktionen entsprechend anpassen!

Wie erstelle ich einen Gameplan?

Das Feld von Hinten aufrollen

Um herauszufinden, ob wir ein Top oder Bottom Spieler sind und um daran anzuknüpfen, was bislang funktioniert, ist die erste Frage, die wir uns stellen müssen: Welche ist meine bislang erfolgreichste Submission?

Es ist egal, ob ich diese in zwei oder neun von zehn Fällen erfolgreich mache: So lange diese Zahl höher ist als bei allen anderen Aufgabegriffen ist sie unser Startpunkt, von wo aus wir unsere Reise der Gameplanerstellung beginnen. Sie ist nicht in Stein gemeißelt und kann sich jederzeit ändern (siehe „Lernen um des Lernens Willen“). Habe ich mehrere, ähnlich erfolgreiche Submissions in anderen Positionen können sie als Plan B (Position, dazu später mehr) im Hinterkopf behalten werden. Habe ich ähnlich gute Submissions in der selben Position halten wir sie als Plan B (Submission, auch hier später mehr) in der Hinterhand.

Was ich will vs. was ich kann

Bei der Gameplanerstellung ist es unvermeidbar, eine gnadenlose Selbstanalyse des Ist-Zustands zu betreiben: Was funktioniert bislang, was funktioniert bislang nicht?

Es bringt nichts, wenn ich mir vornehme, dass mein Ziel immer eine in meinen Augen besonders tolle Submission ist (welche Gründe es auch immer haben mag), wenn ich sie nur in einem von Zehn versuchen umsetzen kann, während ich andere, oft „Klassische“ Aufgabegriffe weit häufiger Umsetzen kann. Sie kann jedoch ein tolles Ziel sein, wenn ich im „Lernen um zu Lernen“-Modus bin.

Auch ist es keine gute Idee, einen Konter als Ziel auszusuchen: Meine Guillotine als Reaktion auf einen Shoot kann noch so gut sein, wenn mein Partner den Shoot nicht macht, sondern Guard spielt, werde ich niemals dazu kommen, sie zu umzusetzen. Wenn es jedoch zu der Situation kommen sollte setze ich sie aber natürlich dennoch um!

Wo beginnen?

In meiner Erfahrung ist bei den meisten Kämpfer*innen, die noch am Anfang ihrer Reise stehen, ein Aufgabegriff aus einer der folgenden drei Positionen ein guter Startpunkt: Mount, Backmount, Closed Guard. Das ist jedoch ein Vorschlag, der auch nicht in Stein gemeißelt ist; Vielleicht ist die Half Guard deine beste Position, vielleicht bist du ein Knee on Belly-Fan: Lass uns damit arbeiten!

Wir verfolgen auf diesem Teil der Reise eine meiner Schülerinnen, um konkrete Beispiele zu nennen.

Die „Plan A“-Submission

Meine Schülerin geht nach einer Selbstreflektion davon aus, dass ihr stärkster Angriff die Armbar aus der Mount ist, um genau zu sein der sogenannte „S-Mount-Armbar“. Ich lasse sie diesen Angriff mit einem Partner üben, mit der Aufgabe, herauszufinden, woran es scheitert, wenn es nicht klappt. Schnell findet sie heraus, dass es oft Probleme gibt, wenn sie die Arme nicht isolieren kann, weil ihr Partner seine Hände sehr eng an seinem Hals und eine Ellenbogen eng an den eigenen Rippen hält.

Weiterverfolgen vs. Plan B (Submission) vs. Plan B (Position)

Die erste Idee, die ich meiner Schülerin mit an die Hand gebe, sind zwei Kniffe, um den Arm dennoch zu isolieren: Erstens, den oberen der Arme ihres Partners mit einem two-on-one-grip erst zu sich zu ziehen, bevor sie ihn auf den Boden zwingt, zweitens, ihre Hüfte unter die Ellenbogen ihres Partners zu schieben und diese so zu isolieren. Hierbei geht es darum, den Plan A, die Armbar, dennoch umzusetzen.

Die zweite Idee, die ich ihr an die Hand gebe ist, zu einem anderen Aufgabegriff zu wechseln: Da ihr Partner zwar seine Arme perfekt verteidigt, aber das Revers seiner Gi-Jacke dafür vernachlässigt bietet es sich an, auf einen Cross-Collar-Choke zu wechseln. Gelingt dieser, ist Plan B erfolgreich gewesen und der Kampf beendet; Bekämpft ihr Partner den Griff muss er die Verteidigung seiner Arme aufgeben und meine Schülerin kann wieder zu Plan A, den Armbar, wechseln.

Eine mögliche, dritte Idee ist ein Plan B (Position): Wenn es ihr z.B. zwar gelingen würde, einen Arm ihres Partners zu isolieren, der diesen jedoch über seine Körperachse von ihr wegzieht könnte sie mit einem sogenannten „Gift Wrap“ an den Rücken wechseln und so ihre Position nochmals verbessern.

Das Ziel dieser Übung ist immer, die häufigsten Konter meiner/meines Partner*in zu erkennen und Antworten darauf zu sammeln, um a) meine Submission dennoch erfolgreich umzusetzen, b) zu einer anderen, sich in dieser Position selbst anbietenden Submission zu wechseln oder c) meine Position zu verbessern.

Fragen zur Gestaltung des Gameplans, Teil I

  • Was ist mein bester Angriff?
  • Aus welcher Position greife ich ihn an?
  • Was sind die häufigsten Probleme, die verhindern, dass ich diesen Angriff erfolgreich umsetze?
    • Wie kann ich mit diesen Problemen so umgehen, dass ich meinen Agriff dennoch umsetzen kann?
    • Wie kann ich aus diesen Problemen Kapital schlagen und einen anderen Angriff umsetzen?
    • Wie kann ich aus diesen Problemen Kapital schlagen und meine Position verbessern?

Das ist unser Startpunkt, von wo aus wir beginnen werden, unseren eigenen Gameplan zu erstellen.

/Alex